Zwei Verletzte im Chemikalienschacht: ABC-Zug Mechernich probt in Satzvey den Ernstfall
Alarmübung mit rund 40 Einsatzkräften am Schwimmbad zeigt, warum Gefahrstoffeinsätze Spezialisten und Zeit brauchen – und was die Feuerwehr der Stadt Mechernich daraus mitnimmt
Mechernich-Satzvey – Der Schacht ist fünf Meter tief, eine Leiter lehnt schräg an der Betonwand. Unten liegen zwei Männer, daneben umgestürzte Kanister. In dem einen ist Chlorbleichlauge, in dem anderen Schwefelsäure. Beides braucht man im Schwimmbad, das eine zum Desinfizieren des Wassers, das andere, um den pH-Wert zu senken. Gemischt setzen die beiden Flüssigkeiten Chlorgas frei.
Mit dieser Lage wurde die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Mechernich am Mittwochabend, 28. Oktober, zu einer Alarmübung am Schwimmbad in Satzvey gerufen. Das angenommene Unglück: Zwei Mitarbeiter einer Lieferfirma wollten die Chemikalien zusammen mit dem Hausmeister über den Schacht in den Technikbereich hinunterbringen, stürzten dabei samt einem 80l Fass ab und einer konnte sich nicht mehr selbst befreien.
Als Erste traf die Löschgruppe Wachendorf ein, sechs Einsatzkräfte stark. Im Ernstfall wäre Normalerweise in dieser Ortslage die Löschgruppe Satzvey als Erste vor Ort gewesen. Die Übungsleitung schickte aber bewusst eine Einheit vor, die nicht fest zum ABC-Zug gehört, denn eine Gefahrstofflage erkennen muss jeder Einheitsführer können. Satzvey rückte stattdessen direkt zum ABC-Zug aus, der so vollständig zur Verfügung stand.
Der Wachendorfer Einheitsführer befragte den Hausmeister Stefan Münch und ließ sich die Fässer und ihren Inhalt beschreiben. Sein Schluss: Hier können Chemikalien austreten, die für Menschen gefährlich sind. Damit lag eine ABC-Lage vor. Seine Kräfte sperrten den Bereich im Umkreis von 50 Metern ab, die Einsatzleitung forderte Verstärkung und die Spezialkräfte für Gefahrstoffe an.
Die schwierigste Frage aber stellte sich sofort: Warten, bis die Spezialisten mit ihrer Schutzausrüstung da sind, oder mit den eigenen Mitteln zu den Verletzten vorgehen? Der Wachendorfer Einheitsführer entschied sich dafür, zur Menschenrettung vorzugehen und einen Trupp unter Atemschutz vorrücken zu lassen. „Für mich war am Anfang ganz klar: Wir haben zwei Trupps, die reingehen können“, sagte der Einheitsführer später. „Sonst hätte ich mich selbst ausrüsten müssen, und dann wäre von den sechs keiner mehr draußen gewesen.“ Kurz darauf ging der erste Trupp unter Atemschutz in den Gefahrenbereich.
Die Übungsleitung bewertete die Entscheidung in der Nachbesprechung als richtig: Eine Menschenrettung unter normalem Atemschutz ist in einer solchen Lage legitim. Die Grenze zeigte sich trotzdem schnell. Durch den engen Schacht ist eine Rettung nach oben praktisch nicht möglich, die Trupps mussten die Verletzten innen durch den Technikbereich und das Schwimmbad nach draußen bringen. Und sechs Leute reichen dafür nicht. Der Atemluftvorrat der Trupps ist begrenzt, frische Kräfte mussten nachrücken.
Genau dafür gibt es den ABC-Zug. Die Stadt Mechernich stellt im ABC-Verband des Kreises Euskirchen die sogenannte Abwehrkomponente, gemeinsam mit Einsatzkräften aus Zülpich. Ihre Aufgabe: ausgetretene Gefahrstoffe auffangen, Lecks abdichten und mit Fachliteratur und Messtechnik feststellen, womit man es zu tun hat. Personal und Fahrzeuge kommen vor allem aus dem Löschzug Kommern und den Löschgruppen Obergartzem und Satzvey. Laut Feuerwehr gehören dem ABC-Zug rund 80 ehrenamtliche Kräfte an.
Nach der Rettung der verletzten Person rüstete der ABC-Zug zwei Trupps mit Chemikalienschutzanzügen aus. In den gasdichten Anzügen tragen die Einsatzkräfte ihr Atemschutzgerät unter der Schutzhülle. Die Belastung ist hoch, die Einsatzzeit entsprechend kurz: Ohne schwere Last sind es etwa 20 Minuten, mit Last 15 oder weniger. Die Atemschutzüberwachung stellte die Zeit an diesem Abend auf 15 Minuten ein.
Was die Trupps im Schacht messen sollten, war nicht gespielt. Damit die Übung realistisch blieb, hatte die Übungsleitung vor Ort tatsächlich Chlorgas erzeugt. Die Trupps richteten das beschädigte Fass auf, damit nichts mehr auslaufen konnte, und prüften die Luft mit Prüfröhrchen. Ergebnis: 0,5 ppm Chlor, die Hälfte des Werts, bis zu dem Einsatzkräfte noch ohne besondere Schutzmaßnahmen arbeiten dürfen. Auch das Verhalten des Gases zeigte sich ganz real. Chlorgas ist etwa zweieinhalbmal schwerer als Luft und zog in den Keller, wo der Geruch deutlich stärker war als oben im Schacht.
Die Löschgruppe Satzvey baute derweil eine Notdekontamination auf, an der Einsatzkräfte aus dem kontaminierten Bereich gereinigt werden. Das Waschwasser wurde aufgefangen, um es später zu entsorgen. Im Hintergrund lief die Koordinierungsstelle der Stadtfeuerwehr mit vier Kräften mit. Sie übernahm Aufgaben, die im Ernstfall die Leitstelle erledigt, darunter die Recherche zu den Gefahrstoffen und die vorgeschriebenen Meldungen.
Insgesamt waren rund 40 Einsatzkräfte der Löschgruppen Kommern, Obergartzem, Satzvey und Wachendorf mit neun Fahrzeugen beteiligt. Die Uhrzeit war bewusst gewählt: der Übergang vom Arbeitstag in den Feierabend, wenn manche noch im Büro sitzen und andere gerade zu Hause angekommen sind. Gerade für eine freiwillige Feuerwehr ist das die Stunde der Wahrheit.
Nach der Übung kamen die Führungskräfte zur Nachbesprechung zusammen. Gelobt wurde die Stoffrecherche mit vorbereiteten Unterlagen, auf die sich die Trupps nach der ersten Messung direkt stützen konnten. Ebenso offen sprach die Übungsleitung an, wo der ABC-Zug noch nachschärfen will.
Die Übung lag bewusst in den Herbstferien. An einem normalen Abend wären am Schwimmbad Badegäste und Sportgruppen unterwegs und auf dem Parkplatz deutlich mehr Autos. Das Szenario wäre dann ein ganzes Stück schwieriger. Auch das gehört zu den Erkenntnissen, die die Mechernicher Feuerwehr aus Satzvey mitnimmt.
Die Übungsleitung um Winfried Melling und Ralf Eichen zog ein positives Fazit. Beide Verletzten wurden unter den gegebenen Bedingungen gerettet, und die Einsatzstelle konnte unter Kontrolle an den Betreiber übergeben werden. Auch die Zusammenarbeit im ABC-Zug lief sehr gut. Selbstverständlich ist das nicht, denn die Kräfte kommen aus verschiedenen Einheiten zusammen. Genau so wäre es auch im Ernstfall
Text und Fotos: HBM Marco Kaudel, Feuerwehr Stadt Mechernich
Fotoserien
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Bilderserie: Übung ABC-Zug Mechernich







Im gasdichten Vollschutz: Ein Trupp des Mechernicher ABC-Zuges geht in Chemikalienschutzanzügen vor. Das Atemschutzgerät tragen die Kräfte unter dem Anzug.
Der Ort des angenommenen Unglücks: Über diese Leiter sollten die Chemikalien in den fünf Meter tiefen Schacht gebracht werden. Auf beiden Fässern steht „Chlor 100 %“.
Großaufgebot vor dem Schwimmbad: Die Fahrzeuge bringen die Ausrüstung für Rettung, Messung und Dekontamination mit. Insgesamt waren neun Fahrzeuge im Einsatz.
Ohne Helfer geht es nicht: Das Anlegen eines Chemikalienschutzanzugs ist Teamarbeit. Danach bleiben je nach Belastung 15 bis 20 Minuten Einsatzzeit.
Gemessen statt geschätzt: Mit Prüfröhrchen bestimmen die Trupps die Chlorkonzentration. An diesem Abend ergab die Messung 0,5 ppm.
Kurze Lagebesprechung: Die Führungskräfte der beteiligten Einheiten stimmen das weitere Vorgehen ab.
Schaltzentrale am Absperrrand: Im Einsatzleitwagen laufen Lagemeldungen, Funk und Dokumentation zusammen.
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